|
Die indische Bildung ist sehr entwickelt, großartig; aber ihre Philosophie ist identisch mit ihrer Religion, so daß die Interessen der Religion dieselben sind, die wir in der Philosophie finden. Die Mythologie hat die Seite der Inkarnation, der Individualisierung, von der man glauben könnte, daß sie dem Allgemeinen, der Ideenweise der Philosophie entgegen wäre; aber mit dieser Inkarnation ist es nicht so genau genommen, beinahe alles gilt als solche, und was sich zu bestimmen scheint als Individualität, zerfließt alsobald wieder in dem Dunste des Allgemeinen. Wie nun die religiösen Vorstellungen ungefähr dieselbe allgemeine Grundlage haben wie die Philosophie, so sind die heiligen Bücher, die Wedas, auch die Grundlage für die Philosophie. Wir kennen sie ziemlich gründlich. Sie enthalten vornehmlich Gebete an die vielen Vorstellungen von Gott, Vorschriften über die Zeremonien, Opfer usf. Und sie sind aus den verschiedensten Zeiten; viele Teile sind von hohem Alter, andere sind erst später entstanden, z. B. der über den Dienst des Wischnu. Die Wedas sind die Grundlage der Philosophien der Inder, selbst für die atheistischen Philosophien der Inder; auch diesen fehlt es nicht an Göttern, und es wird wesentliche Rücksicht auf die Wedas genommen. Die indische Philosophie steht daher innerhalb der Religion, wie die scholastische Philosophie innerhalb der christlichen Dogmatik stand, den Glauben der Kirche zugrunde legte, voraussetzte.”
(HEGEL: Vorlesungen über die Geschichte der Philosophie / ... / B. Indische Philosophie)
|